Der seit Jahrzehnten stark geschrumpfte Aralsee gilt als eines der bekanntesten Umweltprobleme der Welt. Forschende des Centre for Advanced Studies of Blanes (CEAB-CSIC) und des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) kommen zu dem Ergebnis, dass eine Teilrenaturierung des Aralsees helfen könnte, große Mengen an Kohlendioxid zu binden und weitere Emissionen aus den freigelegten Sedimenten zu vermeiden.
Aralsee als unerwarteter Emittent
Der ausgetrocknete Aralsee könnte bei einer Wiederflutung nicht nur ökologisch profitieren, sondern auch einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Eine neue Studie zeigt, dass die freigelegten Sedimente seit 1960 bereits rund 748 Megatonnen Kohlendioxid freigesetzt haben und eine Renaturierung weitere Emissionen in Höhe von etwa 605 Megatonnen verhindern könnte.
Renaturierung könnte Kohlenstoff binden
Die Forschenden betonen, dass Seen und Binnenmeere wichtige Kohlenstoffspeicher sind, deren Funktion sich bei Austrocknung umkehren kann.
Rafael Marcé vom CEAB-CSIC sagt: „Unter dem Aralsee verbirgt sich ein wahrer Kohlenstoffvorrat. Bleiben diese Sedimente freigelegt, wird weiterhin Kohlenstoff in die Atmosphäre freigesetzt. Wird der See jedoch wieder geflutet, könnte derselbe Kohlenstoff von einer Emissionsquelle zu einem Teil der Klimalösung werden.“
Núria Catalán, Mitautorin der Studie und ebenfalls Forscherin am CEAB-CSIC, fügt hinzu: „Wenn ein See austrocknet, stehen wir nicht nur vor einem hydrologischen, ökologischen oder sozioökonomischen Problem. Auch der Kohlenstoffkreislauf wird in einer Weise verändert, die in der Klimabilanzierung bislang weitgehend unberücksichtigt geblieben ist.“
Klimavorteil und wirtschaftliches Potenzial
Auch aus wirtschaftlicher Sicht könnte die Wiederherstellung des Sees relevant sein. Die Autor*innen schätzen, dass sich durch handelbare Emissionszertifikate ein Wert von 3,6 bis 18 Milliarden US-Dollar ergeben könnte; bei einer Investition von rund 9,7 Milliarden US-Dollar in die Wasserwirtschaft sei sogar eine Wiederherstellung von etwa 50 Prozent der Fläche von 1960 denkbar.
Bedeutung für weitere austrocknende Gewässer
Die Forschenden sehen den Aralsee als extremes Beispiel, aber nicht als Einzelfall. Ähnliche Folgen für den Kohlenstoffkreislauf könnten auch beim Great Salt Lake, dem Salton Sea, dem Urmiasee, dem Tschadsee und dem Kaspischen Meer auftreten. Damit verweist die Studie auf ein Problem, das über Zentralasien hinaus Bedeutung für Klima-, Wasser- und Umweltpolitik hat.
Originalpublikation: Rafael Marcé et al.,Drying of the Aral Sea reshapes the anthropogenic carbon inventory of Central Asia.Science393,300-305(2026). DOI:10.1126/science.aeb2344
Quelle: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)







