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Wie Forschung die Renaturierung europäischer Fließgewässer voranbringt

Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (WVO) sieht vor, bis 2030 mindestens 25.000 Kilometer frei fließende Flüsse wiederherzustellen. Dies ist wichtig, da in Europa über eine Million physische Barrieren die Durchgängigkeit der Flüsse behindern, 90 % der ursprünglichen Auenflächen degradiert sind und nur 44 % der Flüsse die verbindlichen Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie erfüllen. In einer Studie unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) wurde ein Prozess entwickelt, der die Umsetzung des WVO-Ziels zur Renaturierung frei fließender Flüsse unterstützen kann.

von | 07.04.26

Der Tagliamento in Italien ist einer der letzten frei fließenden Flüsse Europas.
Quelle: Alexander Sukhodolov
Der Tagliamento in Italien ist einer der letzten frei fließenden Flüsse Europas.

Um die EU-Mitgliedstaaten bei der Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (WVO) zu unterstützen, liefert die Studie einen praktischen, schrittweisen Prozess, der wissenschaftliche Prioritäten direkt mit politischen Maßnahmen verknüpft. Der Prozess skizziert, wie die Renaturierung durch iterative Phasen gesteuert werden kann – von der Bestandsaufnahme des Zustands der Flüsse über die gemeinsame Entwicklung von Lösungen mit den Interessengruppen bis hin zur Finanzierung, Umsetzung und langfristigen Kontrolle. Durch die Abstimmung der wichtigsten Forschungsprioritäten auf bestehende europäische Rechtsvorschriften und Indikatoren hilft das Rahmenwerk dabei, ehrgeizige Ziele in konkrete, kontextspezifische Maßnahmen vor Ort umzusetzen.

„Was wir anbieten, ist keine Einheitslösung, sondern ein strukturierter Prozess, der den Staaten hilft, von der Planung zur Umsetzung zu gelangen“, sagt Twan Stoffers, Erstautor der Studie. „Indem wir Wissenschaft, Politik und die Einbindung von Interessengruppen auf iterative Weise miteinander verknüpfen, bieten wir einen realistischen Weg, um die Renaturierung von Flüssen in der Praxis zum Erfolg zu führen.“

In der Studie wurde das Fachwissen von Forschenden, Praktiker*innen, aus Wasserwirtschaft, Politik und Verbänden aus 45 Ländern zusammengefasst und dabei 27 verschiedene Prioritäten für die Renaturierung von Flüssen ermittelt.

„Diese Vielzahl an Prioritäten zeigt, dass Renaturierungsstrategien nicht universell sein können, sondern an lokale und regionale politische, institutionelle und ökologische Bedingungen angepasst werden müssen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse schlagen wir einen strukturierten Priorisierungsrahmen vor, der den Abbau von Querbauwerken, das Wiederherstellen der Konnektivität, Governance-Mechanismen und politische Instrumente mit kontextspezifischen Bedürfnissen verknüpft“, erklärt Twan Stoffers.

Die Prioritäten

Um die entwickelte Agenda innerhalb der aktuellen politischen Rahmenbedingungen der EU, wie der WVO und der EU-Biodiversitätsstrategie, umzusetzen, haben die Forschenden die zehn am höchsten bewerteten Forschungsprioritäten mit den einschlägigen Rechtsvorschriften und potenziellen Indikatoren abgeglichen. Die drei wichtigsten identifizierten Forschungsprioritäten sind:

  1. die Verbesserung der biologischen Vielfalt und der Ökosystemfunktionen in Fließgewässern,
  2. die Entwicklung von Priorisierungsstrategien für gezielte Renaturierungsmaßnahmen und
  3. die Festlegung von Renaturierungsstandards.

Die Renaturierung ist ein umfassender Prozess, der alle Beteiligten einbinden muss

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen die Schlüsselelemente eines Prozesses zur Renaturierung frei fließender Flüsse: die Festlegung klarer Ziele auf verschiedenen Ebenen und die Priorisierung von Maßnahmen nicht nur auf der Grundlage des ökologischen Potenzials oder der Kosten, sondern auch unter Berücksichtigung soziokultureller Faktoren wie dem Wohlergehen der Bevölkerung“, betont die IGB-Forscherin Phoebe Griffith, Mitautorin der Studie. „Die Arbeit zeigt, dass die Renaturierung von Flüssen ein sozioökologischer Prozess ist. Das bedeutet, gemeinsame Renaturierungsziele zu definieren, die sozialen und ökologischen Perspektiven integrieren, und diese Ziele dann in gemeinsames Handeln umzusetzen – gestützt auf fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse.“

Das Forschungsteam betont, dass entgegen einiger aktueller politischer Tendenzen in Europa die frühzeitige Einbindung von Interessengruppen eine entscheidende Rolle für eine wirksame Renaturierung und nachhaltige Wasserwirtschaft spielt. In der Praxis erfordert dies strukturierte Co-Design-Prozesse, in denen Forschende, Politik, Behörden und lokale Interessengruppen gemeinsam Renaturierungsziele definieren, unterstützt durch partizipative Planung, Entscheidungshilfetools und kontinuierliches Feedback durch Monitoring und adaptives Management.

Auch die Forschung muss sich an neue Herausforderungen und Bedarfe anpassen

Darüber hinaus werfen die Forschenden auch einen selbstkritischen Blick auf ihr eigenes Arbeitsfeld: Trotz der wachsenden Erkenntnis, dass mehr Integration notwendig ist, bleibt eine echte Zusammenarbeit zwischen Natur- und Sozialwissenschaften selten. Hartnäckige Hindernisse wie disziplinäre Paradigmen, unzureichende institutionelle Unterstützung und begrenzte Kooperationsfähigkeiten schränken diese Integration von unterschiedlichen Ansätzen weiterhin ein. Mit dieser neuen Studie wollen die Autorinnen und Autoren daher auch zur Weiterentwicklung inter- und transdisziplinärer Ansätze in der Flussrenaturierung beitragen.


Originalpublikation:
Stoffers, T., Vuorinen, K.E.M., Schroer, S. et al. A collaborative research agenda for restoring free-flowing rivers. Commun Earth Environ 7, 303 (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03428-9

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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