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Über 40 Prozent der großen Süßwassertierarten in fremde Gewässer eingeführt

Über 40 Prozent der heute lebenden großen Süßwassertiere (Megafauna), zu denen unter anderem Karpfen, Welse, Krokodile, Schildkröten, Biber und Flusspferde zählen, wurden bewusst außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angesiedelt. Diese gebietsfremden Arten können in den Einführungsregionen zwar wirtschaftliche Vorteile bringen, bergen jedoch zugleich erhebliche und oft unterschätzte Risiken für die einheimische Biodiversität und die lokale Bevölkerung.

von | 16.03.26

Wels in einem See
(Quelle: Michel Roggo)

Der Nilbarsch im Viktoriasee ist ein prominentes Beispiel für die komplexen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen, die durch gebietsfremde Süßwasser-Megafauna verursacht werden. Die gezielte Ansiedlung dieser großen Fischart im Viktoriasee sollte die Fischerei eigentlich verbessern – doch sie hatte gravierende, unterschätzte Folgen: Die Bestände einheimischer Fische gingen zurück, lokale Fischer verloren ihre Lebensgrundlage, und in den umliegenden Gemeinden nahm die chronische Unterernährung bei Kindern und Müttern zu.

„Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, sagt Fengzhi He, Professor am Institut für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie Gastwissenschaftler am IGB.

Er beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Süßwasser-Megafauna und ist Letztautor dieser Studie, in der das Team die erste globale Bewertung der sozioökonomischen Auswirkungen gebietsfremder Süßwasser-Megafauna durchgeführt hat.

Basierend auf dem Rahmenwerk „Nature’s Contributions to People“ (NCP) und dem Rahmenwerk „Socio-Economic Impact Classification for Alien Taxa“ (SEICAT) kategorisierten die Forschenden sowohl positive als auch negative Auswirkungen und quantifizierten das Ausmaß der Auswirkungen.

40 Prozent der Megafauna-Arten in 142 Länder und Regionen bewusst eingeschleppt

Kleine Arten gelangen oft unbemerkt in neue Gewässer – sie haften an Schiffsrümpfen oder Fischereiausrüstung oder werden von Vögeln transportiert. Süßwasser-Megafauna-Arten sind Tiere mit einem Gewicht von mindestens 30 Kilogramm. Sie werden oft absichtlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen oder ästhetischen Wert in Verbindung gebracht werden. Das Team identifizierte 93 gebietsfremde Süßwasser-Megafauna-Arten (43 Prozent der 216 existierenden Arten), die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Diese Einführungen erstrecken sich über 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis. Die USA haben die höchste Anzahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten (52), gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17).

Fast jede zweite untersuchte eingeschleppte Megafauna-Art birgt auch Probleme

Die Studie zeigt, dass von 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein Nutzen dokumentiert ist, 26 auch negative Auswirkungen haben. Dies gilt insbesondere für große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige und Welse. Fast jede zweite dieser Arten bringt demnach nicht nur Vorteile, sondern verursacht Probleme für die heimische Artenvielfalt oder die lokale Bevölkerung. Hierzu zählen neben einer verminderten Ernährungssicherheit auch erhöhte Risiken für die menschliche Gesundheit, Sicherheitsrisiken durch aggressive oder giftige Arten oder Schäden an Eigentum und Infrastruktur.

Eingeschleppte Arten bergen Gefahren für einheimische Arten. Hier zu sehen ein Wels. (Quelle: Michel Roggo)

Wirtschaftliche Vorteile für einzelne Gruppen treiben die Einführung voran

Die Studie ergab zudem, dass die sozioökonomischen Vorteile der eingeführten Süßwasser-Megafauna häufig nur für bestimmte Personengruppen in den betreffenden Regionen entstehen. Die Vorteile wurden vor allem in der Aquakultur und in der Fischerei dokumentiert (57 Prozent), gefolgt von Freizeitaktivitäten wie Angeln und Ökotourismus (20 Prozent) sowie der Bereitstellung von Materialien und der Nutzung als exotische Heimtiere (12 Prozent). Große Süßwassertiere wurden auch in der Hoffnung eingeführt, die natürliche Umwelt zu verbessern. Beispielsweise wurden Silberkarpfen und Marmorkarpfen eingesetzt, um übermäßiges Phytoplanktonwachstum zu kontrollieren, während Graskarpfen zur Reduktion von Wasserpflanzen eingeführt wurden.

Einige Süßwasser-Megafauna-Arten wurden absichtlich für den Handel mit Heimtieren oder für Lederprodukte importiert.

„Wir waren sehr überrascht, dass einige Krokodile für den Handel mit Heimtieren eingeführt wurden. Zum Beispiel werden Brillenkaimane in den USA als Heimtiere gehalten“, sagte Dr. Xing Chen, ehemaliger Doktorand am IGB und Hauptautor der Studie. „In China werden sie oft wegen ihrer Haut eingebracht, um Lederprodukte herzustellen.“

Eine strengere Risikobewertung ist wünschenswert

Da die Einführung von Süßwasser-Megafauna aufgrund der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile voraussichtlich weiter zunimmt, empfehlen die Autor*innen eine fundierte Risikobewertung, eine verbesserte Überwachung sowie eine transparenten Kommunikation der positiven wie negativen Folgen.

„Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen“, sagt Prof. Sonja Jähnig, ebenfalls Letztautorin der Studie und Direktorin des IGB.


Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Sonja Jähnig, IGB

Originalpublikation:
Xing Chen, Thomas G. Evans, Jonathan M. Jeschke, Phoebe Griffith, Sonja C. Jähnig, Fengzhi He, Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts, One Earth, 2026, 101623, ISSN 2590-3322,
https://doi.org/10.1016/j.oneear.2026.101623

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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