Tausende Meter unter der Wasseroberfläche liegt eine Welt, die uns fremder ist als der Mond: die Tiefsee. Sie gilt als eines der letzten unberührten Ökosysteme des Planeten und zugleich als Schatzkammer für Rohstoffe. Ob und wie hier jemals Bergbau betrieben werden darf, gehört zu den umstrittensten Umweltfragen unserer Zeit. Welche Folgen Eingriffe in die Tiefsee-Lebenswelten hätte, ist bisher nur wenig erforscht. Ein Projekt, das sich damit beschäftigt ist das europäische Forschungsprojekt MiningImpact. Es wird vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel koordiniert.
Nun geht das Projekt in die dritte Runde. MiningImpact3 wurde im Rahmen der Joint Action on the Ecological Aspects of Deep-Sea Mining von JPI Oceans ausgewählt. Es verfügt über ein Gesamtbudget von rund 9 Mio. Euro. Davon stammen etwa 5,7 Mio. Euro aus nationalen Fördermitteln. Es schließt an zwei erfolgreiche Vorgängerprojekte an. Ziel ist es, zentrale Wissenslücken zu den Folgen potenzieller Abbauaktivitäten von Tiefseeerzen für die Ozeanökosysteme zu schließen.
„Diese dritte Projektphase wird entscheidende wissenschaftliche Grundlagen liefern, die für die internationalen Regularien und für nationale Gesetzgebung zum Tiefseebergbau notwendig sind“, sagt Projektkoordinator Dr. Matthias Haeckel, Biogeochemiker am GEOMAR.
Untersuchungsziele von Artenvielfalt bis Meeresgovernance
Im Zentrum des Projekts steht die Erforschung, wie sich die Tiefseeumwelt räumlich und zeitlich verändert und wie stark einzelne Populationen genetisch über tausende Kilometer miteinander vernetzt sind. Darüber hinaus untersuchen die Forschenden, welche Folgen für Lebensgemeinschaften am Meeresboden und in der Wassersäule freigesetzte toxische Substanzen und die Zerstörung des Habitats durch Tiefseebergbau haben.
Auf dieser Grundlage sollen Indikatoren entwickelt werden, die Aufschluss über die Gesundheit der Ökosysteme geben, und Grenzwerte für Umweltschäden definieren. Ergänzend entwickelt das Projekt digitale Zwillinge als neue Werkzeuge zur Überwachung und Regulierung von Abbauaktivitäten. Schließlich sollen auch Fragen zur Einordnung in die internationalen Meeresabkommen sowie den gesellschaftlichen Folgen beleuchtet werden.
Wie in den ersten beiden Phasen des Projektes sind auch jetzt wieder Expeditionen mit dem deutschen Forschungsschiff SONNE geplant. Fünf Jahre nach dem ersten industriellen Abbautest ist eine Rückkehr zu Testfeldern in der Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik geplant. Weitere Ausfahrten mit niederländischen und polnischen Forschungsschiffen werden zu Massivsulfidvorkommen entlang des arktischen Mittelozeanischen Rückens führen.
Sitzung der Internationalen Meeresbodenbehörde markiert Projektbeginn
Offiziell vorgestellt wurde MiningImpact3 bereits im Juli am Rande der 30. Sitzung der International Seabed Authority (ISA) in Kingston, Jamaika. Bei einer Abendveranstaltung präsentierten führende Meeresforscher:innen aus Europa zentrale Ergebnisse aus zehn Jahren Tiefseebergbau-Umweltforschung und stellten zugleich die neue Projektphase vor. Unter den mehr als 120 Gästen waren Delegierte der ISA-Mitgliedsstaaten, Vertreter:innen von ISA-Kontraktoren und Beobachterorganisationen.
Einen wichtigen Impuls für die laufenden Verhandlungen bei der ISA lieferte MiningImpact auch mit der Veröffentlichung ihres Ecotox-Reports. Dieser Bericht fasst bestehende nationale und internationale Regelungen aus verwandten Bereichen, wie Öl- und Gasförderung, Baggerarbeiten oder Bodenschleppnetzfischerei zusammen und leitet daraus Empfehlungen für die Entwicklung von Grenzwerten für Umweltschäden durch Tiefseebergbau ab. Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte Grenzwerte zu entwickeln, die als „Frühwarnsystem“ dienen können. Matthias Haeckel:
„Wie bei einer Ampel zeigen diese an, wann Eingriffe in die Tiefseeökosysteme kritische Folgen haben könnten und wann Schutzmaßnahmen oder ein Abbruch von Aktivitäten notwendig wären. Damit trägt das Projekt direkt dazu bei, dass die ISA künftig auf belastbare, praxisnahe Standards zurückgreifen kann, um die Tiefsee wirksam zu schützen.“
Bei ihrem Kick-Off-Meeting in Ghent diskutierten die Partner vom 9. bis 12. September 2025 den derzeitigen Wissensstand sowie ihre geplanten Arbeiten und die kommenden Expeditionen. Auf dem Programm standen nicht nur naturwissenschaftliche Fachthemen: Die Teilnehmenden sprachen auch über Regeln und Verfahren für den Umgang mit der Tiefsee, bezogen gezielt verschiedene internationale Interessengruppen aus Industrie, Umweltorganisationen und Behörden in den Dialog ein und beschäftigten sich mit der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst.
Über MiningImpact
Seit 2015 untersuchen und bewerten europäische Wissenschaftler im Verbundprojekt MiningImpact die Umweltauswirkungen eines möglichen zukünftigen Tiefseebergbaus. Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden in Handlungsvorschläge für internationale und nationale Behörden umgesetzt. MiningImpact wird im Rahmen der Joint Programming Initiative Healthy and Productive Seas and Oceans (JPI Oceans) gefördert.
Das Konsortium vereint die Expertisen von 34 Instituten aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Portugal und dem Vereinigten Königreich. Die Ergebnisse sollen direkt in die laufende Arbeit der International Seabed Authority (ISA) einfließen und eine faktenbasierte Politikgestaltung unterstützen.
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Weitere Informationen:
https://www.geomar.de/news/article/internationale-forschungsallianz-untersucht-u…
https://miningimpact.geomar.de
https://jpi-oceans.eu/en/ecological-aspects-deep-sea-mining
https://doi.org/10.5281/zenodo.15871149 Ecotox-Report







