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Die zwei Seiten des Hochwasserschutzes

Der Klimawandel führt zu stärkeren Hochwasserkatastrophen. Die TU Wien und Joanneum Research haben nun erstmals ein Modell entwickelt, das zeigt, wie private und öffentliche Schutzmaßnahmen zusammenspielen.

von | 11.11.25

Quelle: AdobeStock/Gina Sanders

In vielen Gegenden der Welt muss man sich in den nächsten Jahrzehnten auf stärkere Hochwasserkatastrophen einstellen. Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Ebenen, dieses Problem anzupacken: Man kann sich individuell gegen Hochwasser schützen – etwa durch Versicherungen oder bauliche Maßnahmen am Wohngebäude, oder man kann gemeinsam die Hochwassergefahr verringern – etwa durch Dammbauten oder Rückhaltebecken.

Wie diese beiden Herangehensweisen einander beeinflussen, lässt sich in mathematischen Modellen darstellen. Das Forschungsteam unter Leitung der TU Wien analysierte umfangreiches Datenmaterial aus Befragungen von tausenden österreichischen Haushalten und untersuchte, wie Natur und Gesellschaft im Hochwasserschutz ineinandergreifen. Um Hochwasserschäden zu minimieren, braucht es beide Zugänge – den individuellen und den öffentlichen.

Nach der Flut ist vor der Flut

„Nach einer Hochwasserkatastrophe ist die Bevölkerung meist stark sensibilisiert. Man ist eher bereit, in persönlichen Hochwasserschutz zu investieren, denkt über Notfallpläne nach, schließt vielleicht Versicherungen ab“, sagt Gemma Carr vom Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der TU Wien, die Erstautorin der Studie. „Insgesamt wurden 3770 Haushalte in ganz Österreich dazu befragt, wir haben die Daten nun ausgewertet.“

Dabei zeigt sich klar: Wenn es nach einer Hochwasserkatastrophe keine weiteren Hochwässer gibt, gehen die privaten Schutzmaßnahmen stark zurück. Die wahrgenommene Bedrohung rückt in den Hintergrund, auch wenn sich aus wissenschaftlicher Sicht die Hochwassergefahr nicht geändert hat.

Öffentliche Maßnahmen beeinflussen individuelles Verhalten

Das kann sogar dazu führen, dass öffentliche Anstrengungen, die Hochwassergefahr zu verringern, negative Auswirkungen haben: „Wenn öffentliche Maßnahmen dazu führen, dass Hochwasserkatastrophen seltener werden, ist das natürlich erfreulich. Aber es bewirkt auch, dass die Sensibilität in der Bevölkerung zurückgeht, und viele Menschen auf individuelle Vorsorge verzichten, die aber eigentlich immer noch sehr sinnvoll wäre“, erklärt Gemma Carr.

Dieser Effekt ist schon seit längerer Zeit bekannt – aber die aktuelle Studie konnte ihn nun empirisch nachweisen und in ein sozio-hydrologisches Modell einbauen, in dem man mathematisch analysieren kann, wie Natur, öffentliche und private Maßnahmen einander beeinflussen. Solche Modelle erlauben es nun auch, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft besser vorherzusagen.

Vorgezogene Kosten

„Durch den Klimawandel werden große Hochwasserkatastrophen voraussichtlich früher eintreten“, sagt Gemma Carr. „Vielleicht wäre das große Jahrhundert-Hochwasser ohne Klimawandel erst in einigen Jahrzehnten gekommen, mit Klimawandel steht es uns aber bereits in einigen Jahren bevor. Das bedeutet auch: Unsere öffentlichen Schutzmaßnahmen werden bis dahin noch nicht die Qualität haben, die wir in einigen Jahrzehnten erreicht hätten“, sagt Gemma Carr. „Kosten fallen somit früher an als gedacht, und sie sind höher.“

Wichtig ist es, proaktiven Hochwasserschutz zu fördern. Nicht erst nach der großen Flut soll etwas unternommen werden, sondern nach Möglichkeit schon davor. „Wir müssen Menschen besser informieren, wir müssen ihnen die Möglichkeiten zur Verfügung stellen, sich rechtzeitig zu schützen und das Bewusstsein für Hochwasserschutz verbessern. Dann sind langfristig die Kosten am niedrigsten“, betont Gemma Carr.

Öffentliche und private Maßnahmen miteinander verschränken

Öffentliche und private Maßnahmen dürfen nicht getrennt betrachtet werden – im optimalen Fall ergänzen sie einander. Das Modell zeigt auch: Wenn staatliche Maßnahmen zurückgefahren werden, erhöht sich das Risiko, und dieser Effekt kann durch verstärkte private Maßnahmen nicht vollständig ausgeglichen werden. Auch wenn Vorsorgemaßnahmen auf individueller Ebene verstärkt werden sollten, wäre ein Rückzug des Staates – also eine „Privatisierung des Risikos“ – keine sinnvolle Lösung.


Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Gemma Carr, PhD
Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie
Technische Universität Wien
gemma.carr@tuwien.ac.at

Originalpublikation:
G. Carr, S. Seebauer, D. Lun; nteractions Between Public and Private Flood Adaptation: Insights From a Socio-Hydrological Model; Water Resources Research 61, 11 (2025). https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2025WR040502

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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