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Das Matterhorn bröckelt – Durch die Kraft des Wassers

Das Wahrzeichen der Alpen steht unter Druck: Forschende zeigen, dass Schmelzwasser tief in den Fels des Matterhorns eindringt und seine Stabilität gefährdet.

von | 13.11.25

(Quelle: Pixabay/Monika Häfliger)

Dringt Wasser in Felsklüfte im Permafrost ein, transportiert es Wärme in die Tiefe – und taut dort das gefrorene Gestein auf. Welche Prozesse den Fels dabei destabilisieren, bis hin zum Abbruch, haben Forschende des SLF an einem prominenten Beispiel untersucht : Am 13. Juni 2023 kollabierte ein freistehender Felspfeiler am Hörnligrat, dem prominentesten Zugang zum Matterhorn. Rund 20 Kubikmeter Gestein stürzten herab, glücklicherweise, ohne jemanden zu verletzen. Zuvor war jahrelang jeweils während der Schneeschmelze Wasser in den Fels unterhalb des Pfeilers gelangt, hatte das Gestein vorübergehend aufgetaut, geschwächt und so schrittweise destabilisiert.

„Der Klimawandel beschleunigt solche Vorgänge. Sie sind mittlerweile ein weit verbreiteter Treiber für die zunehmende Häufigkeit von Steinschlägen im hochalpinen Permafrost“, sagt SLF-Forscher Samuel Weber.

Neun Jahre lang beobachteten und vermaßen die Forschenden den Felspfeiler. Wichtigster Teil war ein GNSS-Empfänger. Mit dessen Hilfe konnten sie jede Bewegung des Pfeilers millimetergenau erfassen. Diese Messreihe verglichen sie unter anderem mit seismischen Signalen, Bildern einer Zeitrafferkamera sowie Laseraufnahmen. Auf Basis von Gesteinsproben vom Hörnligrat holten sie den Felspfeiler im Rahmen einer internationalen Kooperation ins Labor.

Was sind GNSS?

Globale Navigationssatellitensysteme, kurz GNSS, erlauben es, Positionen auf der Erde genau zu lokalisieren. Die Bezeichnung ist ein Überbegriff für Systeme wie das amerikanische GPS und das europäische Galileo. Diese bestehen jeweils aus zahlreichen Satelliten, die ihre genauen Positionen aus dem Orbit zur Erdoberfläche übermitteln. Ein Empfangsgerät wie beispielsweise das Navigationsgerät im Auto bestimmt aus der Kombination der Signale mehrerer Satelliten präzise seine Position.

„Das Auftauen reduziert den kritischen Reibungswinkel deutlich, unter dem eine Felsmasse in Bewegung gerät“, hat Weber so herausgefunden.

Die Erkenntnisse übertrug er in ein Computermodell. Mit Erfolg, die Simulation gab die gemessenen Bewegungen am Matterhorn eins zu eins wieder.

Dieses Video bietet tiefere Einblicke in die Arbeit der SLF-Forschenden, ihre Methoden und ihre Erkenntnisse sowie Details zu den Prozessen, die Schmelzwasser im Permafrost auslöst. Nur auf Englisch. (Video: Samuel Weber / SLF / Stimme: murf.ai

Kettenreaktion im Fels

Gleich drei Effekte erhöhen die Instabilität: In Folge des Klimawandels schmilzt das im Permafrost vorhandene Eis, das den Fels bislang versiegelt hat. Dadurch kann Wasser in die Tiefe vordringen. Das baut Druck auf das Gestein auf. Gleichzeitig bringt das Wasser wärmere Temperaturen in den Untergrund. Eine Kettenreaktion, denn so tauen Permafrost und Eis noch schneller auf – was wiederum dem Wasser und somit der Wärme Wege noch weiter in die Tiefe ermöglicht.

„Zudem reduziert sich dadurch auch noch die Reibung an der Bruchstelle um bis zu zu 50 Prozent, was das Gestein zusätzlich schwächt“, sagt Weber.

Die letzten 14 Tage des Felspfeilers und der Tag danach, vom 1. bis 14. Juni 2023: Von den zahlreichen Aufnahmen der Zeitrafferkamera haben die Forschenden jeweils eine Aufnahme pro Tag verwendet, um den Prozess zu veranschaulichen. (Animation: Samuel Weber / SLF)

Die letzten 14 Tage des Felspfeilers und der Tag danach, vom 1. bis 14. Juni 2023: Von den zahlreichen Aufnahmen der Zeitrafferkamera haben die Forschenden jeweils eine Aufnahme pro Tag verwendet, um den Prozess zu veranschaulichen. (Animation: Samuel Weber / SLF)

Zehn Tage bis zum Abbruch

Am Hörnligrat wurde das Zusammenspiel dieser Effekte eindrucksvoll sichtbar. Über Jahre neigte sich die Felspfeiler langsam, ab 2022 jedoch immer schneller. Drei Seismometer in der Nähe lieferten Hinweise auf die Dynamik des sich abzeichnenden Abbruchs.

„Zeitrafferaufnahmen dokumentieren eine sichtbare Beschleunigung in den zehn Tagen vor dem Abbruch im Juni 2023“, sagt Weber. „Wetterdaten und die Temperaturen im Permafrost deuten darauf hin, dass eindringendes Wasser ein schnelles, kurzfristiges Auftauen in der Tiefe bewirkt hat und entscheidend für das Ereignis waren.“

Um die Gefahr von Felsstürzen im Permafrost besser einschätzen zu können, will Weber mehr über die Wechselwirkung von Temperatur, Wasser und Eis im gefrorenen Gestein und deren mechanischer Auswirkung herausfinden.

Dazu benötigt er weitere Daten: „Wir fokussieren uns jetzt auf die Rolle des Wassers und kombinieren hierfür verschiedene Messmethoden.“


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Samuel Weber
Alpine Umwelt und Naturgefahren
samuel.weber@slf.ch

Originalpublikation:
Weber, S.; Beutel, J.; Dietze, M., et al.: Progressive destabilization of a freestanding rock pillar in permafrost on the Matterhorn (Swiss Alps): Hydro-mechanical modeling and analysis, Earth Surface Dynamics Volume 13, issue 6 (2025). https://doi.org/10.5194/esurf-13-1157-2025

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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