Matthäus, zuallererst eine Frage, die mir keine Ruhe gelassen hat: Was ist mit Păuna, der Kuh von Valeria, passiert?
Matthäus Wörle: Diese Frage bekomme ich oft zu hören. Păuna hatte gesundheitliche Probleme, die vermutlich mit dem belasteten Grundwasser zusammenhingen. Grund für ihren Tod war allerdings ein Sturz im Stall, bei dem sie sich ein Hinterbein brach. Für ein so großes Tier bedeutete das leider das Ende.
Für Valeria, der Protagonistin des Films, ein herber Schlag.
Ja, die Tiere bedeuten ihr viel und Păuna war für sie ein Familienmitglied.
Der Film erzählt die Geschichte des Dorfes Geamăna mit einem starken persönlichen Fokus auf Valeria, einer der letzten Bewohnerinnen des Dorfes. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über dieses Dorf und den giftigen See zu drehen?
Ich habe mich schon immer für Umweltthemen interessiert. Während meines Studiums suchte ich nach einem geeigneten Filmstoff und stieß bei meinen Recherchen auf Bilder dieses Ortes. Die Landschaft mit ihren ungewöhnlichen Farben hat mich sofort fasziniert. Als ich 2020 zum ersten Mal dorthin fuhr, wurde mir schnell klar, dass hinter diesen Bildern eine viel größere Geschichte steckt.
War sofort klar, dass Valeria die Hauptfigur des Films werden würde?
Nicht sofort. Ich habe viele Menschen getroffen und zahlreiche Gespräche geführt. Bei Valeria hatte ich aber schnell das Gefühl, dass ihre Geschichte weit über die Umweltproblematik hinausgeht. Ihre Geschichte verbindet viele Ebenen: Umweltzerstörung, Vertreibung, Verlust von Heimat und die wirtschaftliche Abhängigkeit einer ganzen Region vom Bergbau. Durch sie konnte ich zeigen, welche konkreten Auswirkungen die Umweltprobleme auf das Leben der Menschen haben.
Im Film wirkt es so, als hätte die Geschichte nur wenige Monate umfasst. Wie lange hast du tatsächlich gedreht?
Insgesamt hat das gesamte Filmprojekt vier Jahre gedauert – von der ersten Recherche bis zum fertigen Film. Die ersten Aufnahmen entstanden 2020, die letzten 2022. Ich war immer wieder für längere Zeit vor Ort. Allein die Dreharbeiten erstreckten sich über etwa zwei Jahre.
Eindrucksvoll ist auch das historische Archivmaterial, dessen Einspielungen zeigen, als wie „ungefährlich“ die Einleitungen des Kupferbergwerks dargestellt wurden. Wie bist du an das Material gelangt?
Wir haben im Archiv des rumänischen Fernsehens gezielt nach Material gesucht. Die Nutzung solcher Aufnahmen ist allerdings sehr teuer. Deshalb mussten wir sehr genau auswählen, welche Szenen wir tatsächlich verwenden.
Welche Rolle spielt das Kupferbergwerk für die Region?
Das Kupferbergwerk ist nach wie vor einer der wichtigsten Arbeitgeber der Gegend. Rund 700 Menschen arbeiten dort. Deshalb ist die Situation sehr komplex. Viele Bewohnerinnen und Bewohner wissen um die ökologischen Probleme, sind aber gleichzeitig wirtschaftlich auf das Bergwerk angewiesen. Mir war wichtig, diese Ambivalenz im Film sichtbar zu machen und keine einfachen Schuldzuweisungen vorzunehmen.
Konntest du auch mit Vertretern des Kupferbergwerks sprechen?
Ja, allerdings nur unter schwierigen Bedingungen. Viele Menschen wollten nicht öffentlich vor der Kamera auftreten. Selbst Gespräche mit Verantwortlichen fanden eher im Hintergrund statt. Das zeigt bereits, wie sensibel das Thema vor Ort ist.
Im Zentrum des Films steht der See. Wie hat sich dieser während deiner Dreharbeiten verändert?
Die Veränderungen waren enorm. Als ich mit den Dreharbeiten begann, lag der See noch etwa 50 Meter vom Haus meiner Protagonistin entfernt. Bereits ein Jahr später war das Wasser deutlich näher gerückt. Der See steigt jedes Jahr um etwa ein bis eineinhalb Meter an. Am Ende der Dreharbeiten war klar, dass Valerias Grundstück langfristig verschwinden wird.
Wodurch wächst der See überhaupt weiter an?
In den See gelangen kontinuierlich Rückstände aus dem Bergbau sowie Wasser aus umliegenden Bergbächen. Solange im Kupferbergwerk weiter gearbeitet wird, wächst auch der See weiter. Nach Aussagen der Betreiber soll der Abbau noch mindestens zwei Jahrzehnte fortgesetzt werden.
Wie stark ist die Umwelt vor Ort belastet?

Matthäus Wörle, geboren 1991 in Weilheim, studierte Journalistik in Eichstätt-Ingolstadt und Dokumentarfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Nach einem Videojournalismus-Stipendium der Mediaschool Bayern arbeitete er unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Bayerischen Rundfunk und Nautilusfilm. Heute ist er als freier Regisseur und Videojournalist tätig. Seine Filme wurden national und international auf Festivals gezeigt und ausgezeichnet.
Die Auswirkungen sind mit bloßem Auge sichtbar. Der See enthält Abraum und Rückstände aus dem Kupferabbau. Es gab in der Vergangenheit sogar Vorfälle, bei denen Teile eines Damms brachen und belastetes Wasser in Flüsse gelangte. Die Folgen waren bis nach Ungarn spürbar. Für mich war die Situation so offensichtlich, dass ich im Film bewusst auf viele wissenschaftliche Kennzahlen verzichtet habe.
Warum?
Ich wollte keinen klassischen Fernsehbeitrag mit vielen Zahlen produzieren. Für mich spricht die Landschaft bereits für sich selbst. Die Farben des Sees sind Warnsignale. Der Film ist ein dokumentarisches Porträt. Mich interessiert vor allem die menschliche Perspektive. Ich wollte, dass das Publikum gemeinsam mit Valeria erlebt, was der Verlust von Heimat bedeutet. Ich glaube, dass persönliche Geschichten oft stärker wirken als reine Fakten.
Was sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Film mitnehmen?
Vor allem die Erkenntnis, dass Umweltprobleme immer auch gesellschaftliche und menschliche Folgen haben. Es geht nicht nur um verschmutztes Wasser oder steigende Pegelstände, sondern um die Frage, wie Menschen mit dem Verlust ihrer Heimat umgehen und welche Verantwortung wir als Gesellschaft tragen.
Arbeitest du bereits an einem neuen Projekt?
Ja. Mein aktueller Film beschäftigt sich mit Seeleuten, die von Reedereien mitsamt ihren Schiffen auf den Weltmeeren zurückgelassen werden. Das ist ein großes soziales und ökologisches Problem, über das kaum berichtet wird.
Davon hört man tatsächlich nur sehr wenig.
Das liegt auch daran, dass diese Geschichten schwer zugänglich sind. Viele Ereignisse spielen sich weit entfernt von der Öffentlichkeit ab, und Dreharbeiten sind oft schwierig.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke, Matthäus. Wir freuen uns bereits auf deinen neuen Film.
Zum Film „where we used to sleep“Der Film wird zudem am 27. Juli 2026 auf 3sat ausgestrahlt.
Das Interview führte Sina Ruhwedel.







