Frau Dr. Grützmacher, Sie kommen aus der technischen Wasserforschung und verantworten jetzt als Vorständin den gesamten technischen Bereich der Berliner Wasserbetriebe. Was reizt Sie an der neuen Aufgabe besonders?
Der Reiz liegt für mich in der Komplexität. Wasserwirtschaft umfasst ja alles: von der Ressource über die Gewinnung und Aufbereitung bis hin zur Verteilung im Netz, zum Zähler im Haushalt und natürlich zur Abwasserbehandlung, der bestmöglichen Abwasserreinigung, der Bewirtschaftung von Regenwasser und der Nutzung von Abwasser als wichtiger Ressource. Das ist ein riesiger, ineinandergreifender Mechanismus, der jeden Tag zuverlässig funktionieren muss.
…für vier Millionen Bürger…
Ja, beim Trinkwasser ist das so, beim Abwasser sind es sogar wegen unserer Kooperationen mit den Verbänden rund um Berlin noch viele Menschen mehr. Und die verlassen sich darauf, dass wir unsere Arbeit gut und zum Wohle der Stadt und der Region machen – genau das ist der Anspruch an die Daseinsvorsorge. Aus meiner Arbeit in Forschung und Technik ist mir vertraut, dass wir in der Wasserwirtschaft technisch oft sehr gut wissen, wie Lösungen gestaltet werden können. Aber rein technische Lösungen reichen heute nicht mehr. Wir müssen mit den Genehmigungsbehörden sprechen, mit Politik und Verwaltung, mit Umweltverbänden und mit der Öffentlichkeit. Es geht um Akzeptanz, um Transparenz und um ein gemeinsames Verständnis. Die Schnittstelle zwischen Technik und Gesellschaft ist das, was mich besonders reizt.
Heißt das, Ihre Rolle ist weniger technisch, sondern stärker strategisch und kommunikativ?
Beides. Ich habe natürlich den technisch-wissenschaftlichen Blick auf die Systeme, aber ich sehe sie in einem größeren Rahmen: Was bedeutet eine Maßnahme für die Stadt? Welche Konflikte können entstehen? Wie lassen die sich im Dialog auflösen? Gerade Themen wie Klimawandel, Resilienz oder Sicherheit sind nicht rein betrieblich zu lösen – dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis der Notwendigkeiten.
Wie wollen Sie Politik und Bevölkerung für die Herausforderungen sensibilisieren?
Das Erste ist: Wir müssen unseren Job gut machen. Rohrschäden schnell beheben, Verkehrsbeeinträchtigungen minimieren, die Versorgung stabil halten, Abwasser zuverlässig reinigen: das
schafft Vertrauen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen massiv, etwa durch die Wetterkapriolen infolge des immer spürbareren Klimawandel, aber auch durch PFAS-Funde etwa oder strengere Reinigungsstandards in den Kläranlagen. Das erfordert erhebliche Investitionen.
Ich erlebe, dass Politik und Öffentlichkeit grundsätzlich wissen, wie wichtig diese Investitionen sind. Konflikte entstehen eher im Detail – wenn für eine Leitung ein Baum gefällt werden muss oder eine Baustelle länger dauert. Da hilft nur Transparenz und Dialog. Wenn man zuhört, erklärt und Alternativen prüft, findet man meist tragfähige Lösungen. Darauf setze ich sehr.
Die Berliner Wasserbetriebe investieren derzeit täglich 1,5 Mio. €, Tendenz steigend. Wie lässt sich das finanzieren – ohne die Preise explodieren zu lassen?
Indem wir sehr genau hinschauen, wo welche Maßnahmen wirklich notwendig sind. Aus meinem Forschungshintergrund komme ich mit dem Anspruch, immer das Optimum zu finden. Manche Herausforderungen lassen sich auch dezentral lösen – z. B. beim Regenwassermanagement durch Grundstückseigentümer. Das entlastet das Kanalnetz und reduziert Investitionen auf unserer Seite. Bei der vierten Reinigungsstufe, die sich im Klärwerk Schönerlinde bereits im Bau und für die anderen Klärwerken in Planung befindet, ist klar: Das sind riesige Summen, auch in Verbindung mit den Flockungsfiltrationen, die ja die Spurenstoffentfernung flankieren und zugleich Phosphor eliminieren. Deshalb begrüßen wir sehr, dass künftig auch die Herstellerseite stärker in Verantwortung genommen wird. Entscheidend ist, immer auch an der Quelle anzusetzen – Wasserwirtschaft kann nicht der Reparaturbetrieb für Dinge sein, die die Gesellschaft nicht an ihrem Ursprung regelt. Wir müssen unsere Ressourcen schützen, das setzt am besten noch deutlich vor unseren Klär- und Wasserwerken an.
Berlin hat eine besonders hohe Zirkularität im Wasserkreislauf. Welche Verantwortung entsteht daraus für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger?
Wir müssen uns bewusst machen, dass Wasser kostbar ist, besonders in einer Stadt mit einem so engen teilgeschlossenen Wasserkreislauf wie in Berlin. Wir haben – besonders im Sommer und perspektivisch steigend – einen hohen Klarwasseranteil in unseren Gewässern, aus deren Uferfiltrat wir dann wieder Trinkwasser gewinnen. Das ist ein Vorteil, weil es uns resilienter macht gegenüber klimatischen Veränderungen und Grundwasserrückgang.
Wir tragen damit aber auch eine besondere Verantwortung. Stoffe, die in die Umwelt gelangen, tauchen irgendwann im Rohwasser wieder auf. Deshalb müssen wir an der Quelle ansetzen. Ein Beispiel ist Diclofenac: Statt uns damit einzureiben und es dann wieder abzuwaschen, könnten wir genausogut Präparate mit dem Wirkstoff Ibuprofen einnehmen, der wesentlich besser biologisch abgebaut wird und so den Wasserkreislauf weniger belastet. Da braucht es gesellschaftliches Umdenken und gezielte…
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