Herr Dr. Waider, 2016 sagten Sie in einem Interview mit uns, das Thema Digitalisierung sei in der klassischen Wasserwirtschaft noch nicht wirklich angekommen. Heute, zehn Jahre später, wirkt die Lage deutlich anders. Wie angekommen ist die Digitalisierung inzwischen – gerade vor dem Hintergrund von KI?
Digitalisierung ist in der Wasserwirtschaft heute eindeutig angekommen, aber anders, als man das aus klassischen Industrie-4.0-Umfeldern kennt. Bei uns verläuft diese Entwicklung eher evolutionär als disruptiv. Sie ist stark sicherheits-, prozessund gemeinwohlgetrieben. Das heißt: Es geht weniger um maximale Automatisierung oder Time-to-Market, sondern um Versorgungssicherheit, Resilienz und nachhaltige Betriebsführung. Bei Gelsenwasser sehen wir das ganz konkret an der Digitalisierung interner Verwaltungs- und Instandhaltungsprozesse, an datenbasierten Assistenzsystemen im Wasserwerksbetrieb und an einer deutlich intensiveren OT- und IT-Überwachung als Teil unserer KRITIS-Resilienz. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wichtige Rolle. Nicht nur Chatmodelle, die sehr gut darin sind Text und Sprache zu analysieren und aufzubereiten, auch die Analyse von großen Datenmengen zur Bestimmung von Mustern und Ableitung von Handlungsempfehlungen ist ein Bereich, in dem KI große Vorteile ausspielen kann. KI wird bei Gelsenwasser aber nicht als Autopilot für die Versorgung genutzt, sondern als Werkzeug zur Entscheidungsunterstützung und Effizienzsteigerung.
Sie haben schon vor zehn Jahren betont, dass Gelsenwasser Daten- und Netzstrukturen im Zweifel komplett entkoppeln kann. Ist das in einer heute viel stärker vernetzten Infrastruktur überhaupt noch realistisch?
Ja, absolut. Eine konsequente Trennung beziehungsweise Entkopplung ist in der Wasserversorgung auch heute weiterhin realistisch und sinnvoll – allerdings nicht mehr als starres Alles-oder-nichts-Prinzip. Moderne Infrastrukturen sind heute viel stärker vernetzt, aber genau deshalb ist die saubere Trennung von Bereichen so wichtig. Wir teilen Netze bewusst in klar abgegrenzte Segmente auf, um Risiken einzudämmen.
Welche Segmente sind das?
Besonders schützenswert sind die operativen Systeme unserer Wasserwerke und Netze. Diese OT-Netze sind vom restlichen IT-Umfeld weitgehend abgeschottet und unterliegen den höchsten Sicherheitsanforderungen. Informationen werden dort in der Regel nur nach außen gespiegelt, etwa für Überwachung oder Auswertung. Eine Rückübertragung zur direkten Steuerung aus anderen Netzen ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Zusätzlich halten wir die Fähigkeit vor, Verbindungen gezielt zu unterbrechen und Anlagen isoliert weiterzufahren – und das wird aktiv geübt. Für KRITIS-Betreiber bleibt diese Architektur zentral: Sie begrenzt mögliche Auswirkungen von Störungen oder Angriffen und stellt sicher, dass die Versorgung auch bei IT-Problemen stabil aufrechterhalten werden kann.
Wie real ist aus Ihrer Sicht das Szenario eines gezielten Cyberangriffs auf die Wasserversorgung in Deutschland?
Sehr real. Wir nehmen diese Gefahr sehr ernst. Unsere Systeme zur Angriffserkennung registrieren täglich Angriffsversuche auf unsere IT- und OT-Infrastrukturen. Im IT-Umfeld sehen wir vor allem Bedrohungen wie Ransomware, also Versuche, Systeme zu verschlüsseln, Lösegeld zu erpressen oder gezielt den Ruf eines Versorgers zu beschädigen. Im OT-Umfeld ist das Lagebild noch einmal anders. Dort gehen wir eher von staatlichen oder staatlich unterstützten Akteuren aus, die sich langfristig in Systeme einnisten, Informationen sammeln und im Ernstfall gezielt ausnutzen wollen. Dabei stehen nicht nur technische Systeme im Fokus, sondern ebenso Menschen, Dienstleister und Lieferketten. Genau deshalb ist für uns ein tiefes Prozessverständnis im eigenen Haus so wichtig.
Wie reagieren Sie auf die zunehmende Bedrohung, um weiterhin Ihre kritische Infrastruktur bestmöglich zu schützen?
Mit einem ganzheitlichen Sicherheitsansatz. Bei Gelsenwasser tragen eigene spezialisierte Expertinnen und Experten Verantwortung für Governance, Standards, technische Schutzmaßnahmen, Angriffserkennung, Incident Response und regelmäßige Übungen. Prävention hat einen sehr hohen Stellenwert. In internen Risikoworkshops identifizieren wir systematisch Schwachstellen und schließen blinde Flecken. Gleichzeitig bereiten wir uns bewusst auf den Ernstfall vor – mit Wiederanlaufkonzepten,…
>> Lesen Sie das komplette Interview in der Maiausgabe der gwf Wasser+Abwasser (ET: 22. Mai 2026)









