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Green Deal: Was der Begriff „klimaneutrale EU” verschweigt

Der Import von Millionen Tonnen Getreide und Fleisch pro Jahr untergräbt die landwirtschaftlichen Standards der EU. Umweltschäden werden auf diese Weise nicht reduziert, sondern lediglich aus der EU ausgelagert.

von | 18.11.20

Durch den hohen Import von Agrargütern verlagere die EU Umweltschäden, so das Forschungsteam des KIT. (Quelle: Markus Breig, KIT)

Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden – das hat die EU mit dem „Green Deal“ Ende 2019 angekündigt. Ziel ist, die Kohlenstoffemissionen zu verringern sowie Wälder, Landwirtschaft, umweltfreundlichen Verkehr, Recycling und erneuerbare Energien zu fördern. In der Zeitschrift Nature zeigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) nun auf, dass der „Green Deal“ ein schlechter Deal für den Planeten sein könnte, da die EU durch einen hohen Import von Agrargütern ihre Umweltschäden nach außen verlagere. Außerdem geben sie Handlungsempfehlungen, wie der Deal die globale Nachhaltigkeit fördern könnte (DOI: 10.1038/d41586-020-02991-1).
Der „Green Deal“, so das Ziel der Europäischen Kommission, soll die europäische Landwirtschaft in den nächsten Jahren stark verändern und dazu beitragen, dass Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent wird. Bis 2030 soll ein Viertel der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet und der Einsatz von Düngemitteln um 20 und der von Pestiziden um 50 % reduziert werden. Die EU plant außerdem, drei Milliarden Bäume zu pflanzen, 25.000 Kilometer Flüsse wiederherzustellen und den Rückgang der Bestände von Bestäubern wie Bienen oder Wespen umzukehren. „Diese Maßnahmen sind wichtig und sinnvoll“, sagt Richard Fuchs vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), dem Campus Alpin des KIT in Garmisch-Partenkirchen. „Es müssen aber auch parallel Ziele für den Außenhandel festgelegt werden, sonst verlagern wir das Problem nur nach außen und schaden weiter dem gesamten Planeten.“ In seiner Studie hat das Forschungsteam die Nachhaltigkeitsbedingungen im Ausland mit denen in Europa verglichen und Handlungsempfehlungen für ein einheitliches Vorgehen aufgestellt.

Nachhaltigkeitsstandards

So importiert die Europäische Union gemäß der Studie jährlich Millionen Tonnen an Agrargütern, 2019 hat sie ein Fünftel der Feldfrüchte und viele Fleisch- und Milchprodukte aus dem Ausland eingekauft. Die Importe kommen jedoch aus Ländern, deren Umweltgesetze weniger streng sind als die in Europa. Beispielsweise sind gentechnisch veränderte Organismen in der EU-Landwirtschaft seit 1999 stark eingeschränkt. Dennoch importiert Europa genveränderte Sojabohnen und genveränderten Mais aus Brasilien, Argentinien, den USA und Kanada, wie aus der Studie hervorgeht. „Die Handelspartner Europas verwenden außerdem im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Düngemittel wie wir. Auch der Pestizideinsatz hat bei den meisten zugenommen“, erklärt Fuchs. Das Problem sei, dass jede Nation Nachhaltigkeit anders definiere. Was in Europa verboten sei, könne in anderen Ländern erlaubt sein. „Importiert die EU also aus diesen Ländern Waren, lagert sie Umweltschäden einfach in andere Regionen aus, während sie gleichzeitig die Lorbeeren für die grüne Politik in den eigenen Ländern einheimst“, so der Klimaforscher.

Harmonisierung der Nachhaltigkeitsstandards

Die Wissenschaftler des KIT empfehlen, dringend die Nachhaltigkeitsstandards zu harmonisieren und dafür beispielsweise den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden stark zu reduzieren und Entwaldung zu vermeiden. „Zwar kann die EU ihre Standards anderswo nicht durchsetzen, dennoch kann sie verlangen, dass Waren, die auf den europäischen Markt kommen, ihren Vorschriften entsprechen“, sagt Richard Fuchs. CO2-Fußabdruck weltweit bewerten und Fleischkonsum reduzieren Außerdem gelte es, den CO2-Fußabdruck Europas weltweit zu bewerten und dann zu verbessern, so der Forscher. Die Kohlenstoffbilanzierung nach dem Pariser Abkommen erfasse nur die Emissionen, die innerhalb eines Landes bei der Produktion anfielen, nicht aber diejenigen, die bei der Herstellung von dort verbrauchten, aber in einem anderen Land produzierten Gütern entstanden seien.
Zudem werben die Wissenschaftler dafür, den Konsum von Fleisch und Milchprodukten zu reduzieren. Das verringere gleichzeitig die Agrarimporte. Außerdem sollte die einheimische Produktion nach entsprechenden Standards gestärkt werden. Dazu könnten in Europa Gebiete mit geringer Artenvielfalt oder nichtlandwirtschaftlicher Nutzung umfunktioniert werden. So ließe sich auch die Entwaldung in den Tropen verringern, für die das Schaffen neuer landwirtschaftlicher Flächen ein wesentlicher Grund ist. Ernteerträge ließen sich zudem etwa mit der Geneditierungstechnik CRISPR steigern, erklärt das Team. Diese verbessere die genießbare Masse, die Höhe und die Schädlingsresistenz von Pflanzen, ohne Gene einer anderen Art zu verwenden.
„Nicht alle Maßnahmen sind einfach umzusetzen. Eine Neuausrichtung der landwirtschaftlichen Produktion würde aber dazu beitragen, Europas Nahrungsmittelpflanzen vor globalen Marktschwankungen, vor Störungen in der Versorgungskette und vor einigen Auswirkungen des Klimawandels zu schützen“, sagt Fuchs. „Und nur so kann der ‚Green Deal‘ nicht nur ein guter Deal für ein klimaneutrales Europa, sondern auch für den ganzen Planeten werden.“

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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